Es gibt einen Satz, den man in Redaktionskonferenzen selten laut sagt, der aber über immer mehr Nachrichtenportale entscheidet: Was nicht geklickt wird, existiert nicht. Diese Logik ist nicht neu, doch sie hat sich verselbstständigt. Sie formt inzwischen nicht nur die Überschrift, sondern die Auswahl der Themen, die Länge der Texte, den Zeitpunkt der Veröffentlichung — und damit das Bild der Welt, das viele Menschen täglich mitnehmen.
Der Vorwurf lautet nicht, Journalistinnen und Journalisten seien schlechter geworden. Er lautet: die Anreize haben sich verschoben. Wer nach Reichweite bezahlt wird, produziert Reichweite. Wer nach Verweildauer bewertet wird, produziert Verweildauer. Qualität ist in diesen Kennzahlen nicht vorgesehen — sie taucht erst auf, wenn sie fehlt.
Die Ökonomie der Aufmerksamkeit
Ein Nachrichtenportal verdient nicht daran, dass jemand etwas versteht. Es verdient daran, dass jemand die Seite öffnet. Zwischen diesen beiden Zielen liegt ein Abgrund, und je enger die Erlösbasis wird, desto häufiger fällt die Entscheidung zugunsten des Öffnens. Das erklärt, warum eine belanglose Personalie mit einer dramatisierenden Überschrift erscheint, während eine Haushaltsentscheidung mit Folgen für Jahre in drei Absätzen abgehandelt wird.
Ein Portal verdient nicht daran, dass jemand etwas versteht. Es verdient daran, dass jemand die Seite öffnet.
Fünf Muster, die man täglich sehen kann
- Überschriften, die eine Frage stellen, die der Text nicht beantwortet.
- Agenturmeldungen, die leicht umformuliert als eigene Recherche erscheinen.
- Live-Ticker zu Ereignissen, bei denen stundenlang nichts passiert.
- Suchmaschinen-Texte, die eine Frage beantworten, die niemand gestellt hat.
- Der Konflikt in der Überschrift, die Einordnung — wenn überhaupt — ganz unten.
Der Preis heißt Vertrauen
Jeder einzelne Klickköder funktioniert. Zusammengenommen kosten sie etwas, das sich nicht in Quartalszahlen abbilden lässt: die Bereitschaft, einem Medium zu glauben, wenn es einmal wirklich wichtig wird. Wer dreimal auf eine übertriebene Überschrift hereingefallen ist, liest die vierte nicht mehr — auch dann nicht, wenn sie stimmt. Das ist der eigentliche Schaden, und er trifft am Ende auch die Häuser, die sauber arbeiten.
Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt.Pressekodex des Deutschen Presserats, Ziffer 2
Der Pressekodex ist keine Gesetzessammlung, sondern eine freiwillige Selbstverpflichtung. Genau darin liegt sein Problem und seine Stärke: Er wirkt nur, solange Redaktionen ihn ernst nehmen — und er zeigt umgekehrt sehr genau, wo sie es nicht tun.
Woran man ein ernsthaftes Portal erkennt
- Die Überschrift hält, was der Text liefert — nicht mehr.
- Quellen sind benannt und verlinkt, nicht nur angedeutet.
- Korrekturen stehen im Text, nicht versteckt am Seitenende.
- Kommentar und Bericht sind sichtbar voneinander getrennt.
- Es gibt Themen, die erkennbar Arbeit gekostet haben und keine Reichweite bringen.
Warnung

Was Leserinnen und Leser tun können
Die bequeme Antwort wäre: besser auswählen. Sie greift zu kurz, denn die Auswahl trifft längst ein Algorithmus. Wirksamer ist etwas Unspektakuläres — Medien direkt ansteuern statt über soziale Netzwerke, Redaktionen bezahlen, deren Arbeit man schätzt, und Beschwerden dorthin richten, wo sie Folgen haben.
Hinweis
Tipp
Achtung